Werte: Ethik 

<<

Darf es noch ein Gläschen sein?

 

Ob die Jubiläumsparty des Kegelclubs in der Eckkneipe oder der Bundespresseball: Jeden Tag findet in Deutschland ein Event statt. Während die Gäste meist unbeschwert ihren Abend durchleben können, bedeuten diese Events für Manche puren Stress. Schließlich muss alles glatt laufen. Ein Blick hinter die Kulissen:

 

Eine kraftvolle Fichte, von deren oberarmdicken Ästen schwere rotgoldene Kugeln baumeln, steht mitten im Raum. Die Ruhe des Baums steht im krassen Gegensatz zu der aufgeheizten Atmosphäre, die um ihn förmlich zu spüren ist. Lautes Lachen, klirrende Gläser und dröhnende Musik lassen die Nadeln erzittern. Auf der Spitze des Baums thront ein scharfgezackter, gelber Stern und beobachtet das Geschehen ringsum: Die etwa 100 Menschen lassen sich aus sieben Meter Höhe gut beobachten; wie sie an großen runden Tischen sitzen, essen und trinken, lachen und tanzen. „Christina, hier rüber! Die Leute brauchen noch Rotwein“, ertönt da plötzlich eine durchdringende Stimme. Sie gehört einem Mann im engsitzenden Anzug: Ingo Schmidt. „Und Tom, denk dran, die Behälter aufzuheizen, die Leute haben noch Hunger!“, fährt er fort, um gleich darauf in der Menge zu verschwinden.

 

Sechs Stunden vorher: An einem kalten Dezembernachmittag stehe ich pünktlich um 16 Uhr vor dem Eingang des Mainforums in Frankfurt, nur wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Ich treffe mich gleich mit Ingo Schmidt. Dieser arbeitet für ein großes Personaldienstleistungsunternehmen, welches in Frankfurt angesiedelt ist, aber bundesweit agiert. Das Kerngeschäft dieses Unternehmens ist es, ihren Kunden aus Hotellerie, Gastronomie, Catering und Event Personal zur Verfügung zu stellen – etwa wenn Not am Mann ist oder bei riesigen Events, die die Kunden alleine nicht stemmen können. So auch heute: Die Industriegewerkschaft Metall (kurz IG Metall) versammelt Mitarbeiter und geladene Gäste zur alljährlichen Weihnachtsfeier. Die größte Einzelgewerkschaft Deutschlands und ebenfalls weltweit größte organisierte Arbeitnehmervertretung hat ihren Sitz in Frankfurt und lädt zu sich nachhause: in das Mainforum. Zwar gibt es dort auch eigenes Küchen- und Servicepersonal, jedoch kann dieses alleine die Veranstaltung nicht bewältigen. Da kommt Ingo Schmidt ins Spiel, der als Teamleiter, begleitet von zehn weiteren Servicekräften seines Arbeitgebers, für einen reibungslosen Veranstaltungsablauf sorgen soll.

Während ich warte, höre ich das seichte Plätschern von Wasser. Der große Gebäudekomplex des Mainforums ist lediglich durch eine kleine Grünfläche, auf der sich zu dieser Jahreszeit kahle Bäume und verwaiste Bänke erkennen lassen, vom Main getrennt. Doch es ist nicht der Fluss, den ich höre. Im Innenhof des Komplexes, auf dem ich mich befinde, bilden vier scharfe Linien ein langgezogenes Rechteck, mit Wasser gefüllt. Der kalte Dezemberwind lässt das Wasser erschauern; daher die Geräusche. Der Symmetrie des Wasserbeckens und den darum gleichmäßig angeordneten Sitzgelegenheiten, steht eine Installation entgegen, die sich aus dem Wasser erhebt. Leicht glänzende Stahlkabel ragen empor, sie ziehen riesige Kurven in einigen Metern Höhe, bevor sie wieder im Wasser verschwinden. Ein krasser Gegensatz zu dem ansonsten nüchternen Innenhof.  Der Komplex selbst besteht aus einem schlichten Hochhaus, welches zu großen Teilen ein helles rot aufweist, auf der einen Seite jedoch schwarz ist. Flankiert wird dieses von einem fünfstöckigen Ringgebäude, welches ebenfalls rot ist. 

Als die automatische Drehtür am Haupteingang des Hochhauses sich in Bewegung setzt, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. „Die Ruhe vor dem Sturm“, sagt Ingo Schmidt auf den verwaisten Innenhof deutend, „haben Sie gut hergefunden?“ Schmidt ist Anfang 40, hat ein faltiges Gesicht und darüber einen kurzen Igelschnitt. Er trägt einen schwarzen Anzug sowie ein weißes Hemd, den Hals schmückt eine schwarze Fliege. Ein Funkgerät in der linken Hand kommt er auf mich zu und gibt mir mit der rechten einen kräftigen Händedruck. Was steht an? „Die Weihnachtsfeier der IG Metall, ca. 80-100 Gäste. Zuerst ein paar Reden, dann den ganzen Abend Buffet, dazu Getränkeausschank durch uns direkt am Tisch“. 

Die Tür beginnt sich wieder von alleine zu drehen, als wir auf sie zulaufen. Im Inneren des Gebäudes angekommen, passieren wir den Pförtner: „Er gehört zu mir“. Durch eine weitere Tür gelangen wir in einen imposanten Raum. Imposant zunächst vor allem durch seine Größe; 100 Leute brauchen eben ihren Platz. Aber auch durch die festliche Dekoration, man merkt: Weihnachten steht vor der Tür. Dem modernen, schlichten Design des Raums, mit viel weiß, grau und schwarz sowie je einer verschlungenen Wendeltreppe im Stahllook am rechten und linken Ende, steht vor allem der prachtvolle Weihnachtsbaum entgegen, der recht zentral, etwas nach hinten versetzt im Raum steht. Bestimmt sieben Meter ragt er in die Höhe, ist mit vielen bunten Kugeln und einem gelben Stern auf seinem Haupt bestückt. Links neben dem Baum ist eine kleine Bühne, auf der ein Rednerpult aufgebaut ist und ein DJ seine Technik aufbaut. Die Wände sind mit kunstvoll zusammengeflochtenen Weihnachtskränzen dekoriert. Zehn große runde Tische füllen den Veranstaltungsaal, welche gerade festlich gedeckt werden. Emsig bearbeiten einige Mitarbeiter Platz für Platz, Schmidt weist sie an, gründlich zu arbeiten. Gründlich bedeutet etwa, dass die verschiedenen Gläser exakt positioniert werden; das bauchige Rotweinglas kommt zuerst, rechts daneben das etwas kleinere Weißweinglas und darunter in der Mitte das Wasserglas. Dabei gilt es bestimmte Regelungen zu befolgen, etwa „dass das Wasserglas zu den jeweiligen Weingläsern den gleichen Abstand hat“.  Ähnliche Aspekte müssen auch beim Besteck und der Tischdekoration beachtet werden.  An einem kleinen Tisch etwas abseits stehen zwei Mädchen und falten Servietten zu einer kunstvollen Form. Dabei werden diese so eingewickelt, dass es verschiedene sichtbare Ebenen gibt „Das ist die Kerzenform, die werden nachher in der Mitte des Platzes aufgestellt“ informiert mich Schmidt. Die Mitarbeiter tragen dabei die typische Serviceuniform: Weißes Hemd, schwarze Krawatte, Schürze, Hose und Schuhe. Die Frauen mit geschlossenem Haar, die Männer glatt rasiert. 

18:30 Uhr Teambesprechung, Schmidt ruft alle zusammen. Mit den Küchen- und Servicemitarbeitern, die standardmäßig bei der IG Metall in der Kantine arbeiten, sind es um die 20 Leute. Ingo Schmidt macht klare Ansagen: „19:30 Uhr kommen die Gäste, dann gibt’s einen Sektempfang. Einmal nicht alkoholisch mit Cranberries, einmal normal. Die bereiten wir gleich noch vor. Dann kommen ein paar Reden, anschließend werden Getränke ausgeschenkt. Ab 20:15 ist das Buffet eröffnet. Und denkt dran: Immer freundlich sein“. Es werden Rollen verteilt, Tische zum Servieren zugewiesen. Schmidt wirkt gestresst. Er weiß, dass er verantwortlich ist, wenn etwas schief läuft. 

Eine Stunde später kommen die ersten Gäste. Sie wirken gelöst, sind gut drauf. Drei große Türen führen in der Veranstaltungsraum, an jeder Seite der drei Türen stehen Mitarbeiter mit Tabletts. Man sieht wie die Hände zittern; 20 Gläser Sekt mit der linken Hand zu balancieren ist schwer – im doppelten Sinne. Als schließlich alle Gäste sitzen, kommt der erste Redner auf die Bühne. „Endlich die Reden, jetzt gibt’s eine kleine Pause“, flüstert mir ein Mitarbeiter zu. Doch viel zu schnell für manche sind diese vorbei und es geht weiter. Die Getränkekellner patrouillieren in einem fest vorgegebenem Rahmen mit Rot- und Weißwein, die Buffetmitarbeiter helfen bei der Essensausgabe, die Küche kocht Nachschub und Ingo Schmidt ist überall. 

Auf einmal ein lautes Klirren, das selbst das Stimmengewirr im Raum übertönt. Köpfe drehen sich zur Seite oder nach hinten und sehen einen sehr schuldbewussten Getränkekellner, vor ihm auf dem Boden ein Tablett, umringt von tausend kleinen Scherben, neben ihm ein großer Mann mit Vollbart im Anzug; nun allerdings mit rotem statt weißem Hemd. Schweiß tropft Schmidt von der Stirn. Forschen Schrittes erreicht er die Szene, entschuldigt sich und geleitet den Durchnässten unter zahllosen Blicken zur Toilette. Dem Kellner steht die Panik ins Gesicht geschrieben, während er die Scherben auffegt. Unbegründet wie sich herausstellt, denn das einzige was Schmidt später dazu zu sagen hat, ist: „Passiert halt“. 

Der Rest des Abends verläuft fast ohne weitere Vorfälle. Alle arbeiten konzentriert und gegen 23 Uhr lichtet sich die Veranstaltung so langsam. Irgendwann ist nur noch eine Gruppe von etwa 15 besonders durstigen Personen da. So durstig, dass der 2007er Merlot leer ist, nicht nur oben in der Küche, nein auch im Lager. Doch Schmidt muss sich nun dem Vorwurf erwehren, er wolle die Gäste nicht mehr da haben und deshalb keinen Wein mehr ausschenken. „Je später der Abend, desto anstrengender die Leute“, wird er später etwas entnervt anmerken. Doch nun gilt erst einmal Freundlichkeit. Weißwein wird angeboten und nach kurzer Diskussion auch angenommen.

Gegen halb eins am Morgen sind auch die Trinkfestesten verschwunden. Schmidt und seinen Mitarbeitern steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Doch noch ist nicht Schluss! Der Saal muss sauber gemacht, das Geschirr in den Racks (Behälter, in denen das Geschirr gespült wird) verstaut und die übrig gebliebenen Getränke ins Lager gebracht werden. Lust hat jetzt keiner mehr. Schmidt motiviert nochmal: „Kommt schon, nochmal durchziehen, dann könnt ihr ins Bett!“. Eine gute Stunde später geht’s dann wirklich ins Bett.

Harter Tag? „Ach Quatsch, das heute war doch okay. Ich arbeite manchmal dreimal die Woche in der Alten Oper als Bankettleiter. Da darf aber kein Glas runterfallen! Wenn du mal Lust auf richtigen Stress hast, dann besuch mich doch mal dort“. Wenn es doch so stressig ist, warum dann das Ganze? „Mich motiviert die Vorstellung eines perfekten Abends für die Gäste. Service liegt mir einfach im Blut, ich mag es, anderen etwas Gutes zu tun. Mochte ich immer schon“. Aber daraus gleich einen Beruf machen? „Naja, ich komm viel rum, hab viel gesehen. Viele Promis getroffen. Das rundet das Ganze ab. Jeden Tag das gleiche Büro, das kann ich einfach nicht“. Und wo geht es Silvester hin, dem Königstag aller Veranstaltungen? „Ab in den Urlaub, und zwar ganz weit in den Süden! Ich hab zum ersten Mal Silvester frei, aber irgendwie Angst, dass ich doch noch nen Anruf kriege und hierbleiben muss“, sagt er schmunzelnd. Später erfahre ich, dass Schmidt tatsächlich seinen Urlaub genießen konnte – der Service war auch gut. 

 

Neues Textfeld >>

INNOVATION

 

Wettlauf der Superhirne

Durch die Speicherung von Daten auf DNS droht uns der allwissende Mensch - oder die menschliche Maschine

Digitale Daten aller Art – Bilder, Töne und komplette Bibliotheken – lassen sich auf dem Erbgut-Molekül DNS speichern, das haben

Forscher des European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Hinxton (Großbritannien) jetzt bewiesen. 100 Millionen Stunden Videofilme in höchster Auflösung, sagt Forschungsleiter Nick Goldman, passen – so aufbewahrt – in eine

Kaffeetasse. Ist das der erste Schritt zur künstlichen Intelligenz – oder gar zum allwissenden Menschen?

Überschrift

Das Schönste an diesem Text ist, was Sie daraus machen!

 

 

Überschrift

Das Schönste an diesem Text ist, was Sie daraus machen!

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© moderne zeiten verlag